"Harte Worte gegen Mutter und Schwester"
Paris - "Sehr persönliche und harte Worte über meine Mutter und Schwester" haben Frankreichs abgetretenen Superstar Zinedine Zidane im WM-Finale gegen Italien zu seinem Kopfstoß gegen Marco Materazzi hingerissen.
Das sagte "Zizou" am Mittwochabend in seiner mit Spannung erwarteten Erklärung beim französischen Pay-TV-Sender "Canal Plus" drei Tage nach dem Endspiel in Berlin (1:1 n.V., 3:5 i.E.).
Er entschuldigte sich öffentlich für seinen Ausraster: "Ich bitte um Verzeihung bei allen Kindern, die das gesehen. Dafür gibt es keine Entschuldigung."
Kein Bedauern
Bedauern gegenüber Materazzi empfindet der bisherige Star von Spaniens Rekordmeister Real Madrid, der nicht zu einer möglicherweise rassistischen Äußerung des Italieners über die Mutter und Schwester der aus Algerien stammenden Zidane-Familie befragt wurde, allerdings nicht.
"Materazzi hat die schlimmen Worte mehrmals wiederholt. Man hört das einmal und versucht wegzugehen. Dann hört man das ein zweites Mal und noch ein drittes Mal...", beschrieb Zidane die Sekunden vor dem Ausraster.
"Ich entschuldige mich außer bei den Millionen Kindern auch bei den Menschen und Erziehern, die versuchen, den Kindern zu lehren, was gut ist und was schlecht ist. Aber ich kann meine Handlung nicht bedauern. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann das nicht sagen. Würde ich es sagen, würde das heißen, dass Materazzi Grund hatte, das zu sagen. Aber er hatte kein Recht dazu."
Rätselraten beendet
Zidanes Motivation für seine brutal wirkende Tätlichkeit zehn Minuten vor Ende der Verlängerung hatte weltweit für Rätselraten gesorgt.
Bis zu seinem TV-Auftritt hatte der 33-Jährige, der für seine Unbeherrschtheit die Rote Karte sah und seinem Team deswegen im Elfmeterschießen gegen die "Squadra Azzurra" fehlte, über den Auslöser für seinen Blackout geschwiegen.
"Teilgeständnis" von Materazzi
Materazzi hatte zuletzt lediglich eine Beleidigung des Weltmeisters von 1998 eingeräumt.
"Ich habe Zidane beleidigt", sagte der 32-Jährige in einem "Teilgeständnis" am Dienstag gegenüber der "Gazzetta dello Sport".
Seine exakten Worte gab er aber nicht preis. "Ich habe ihn aber sicher nicht als Terroristen bezeichnet. Ich bin ein unwissender Mensch, da weiß ich doch nicht, was ein islamischer Terrorist ist. Ich habe aber bestimmt nicht Zidanes Mutter erwähnt. Für mich ist eine Mutter heilig."
Materazzi klagt Zidane an
Materazzis Darstellung zufolge wäre Zidanes Hochmütigkeit die Ursache für den Disput der beiden Profis gewesen.
"Ich hatte ihn für einige Sekunden am Trikot festgehalten, dann schaute er mich in einer super-arroganten Art von oben bis unten an und meinte: 'Wenn du mein Trikot wirklich haben willst, dann kannst du es nach dem Spiel haben.' Danach habe ich mit der Beleidigung reagiert. Ich habe etwas gesagt, das Dutzende Male gesagt wird und auf dem Fußball-Feld einfach mal rausrutscht."
Lippenleser belasten Materazzi schwer
Bei der Analyse der TV-Bilder von der entscheidenden Szene während des Finales waren sogar Lippenleser von Medien in Brasilien und England engagiert worden.
Dabei meinten Experten für Brasiliens TV-Kanal Globo, dass Materazzi Zidanes Schwester zweimal als Prostituierte bezeichnet haben soll.
Nach Ansicht der Lippenleser, die für drei englische Zeitungen dem Geheimnis auf die Spur kommen sollten, war Zidane von Inter Mailands Abwehrspieler entgegen Materazzis Interview-Version "Sohn einer terroristischen Hure" genannt worden.
Aberkennung des "Goldenes Balls" möglich
Ungeachtet seiner Erklärung droht Zidane noch die Aberkennung des "Goldenen Balles" als bester Spieler der WM in Deutschland.
Weltverbands-Chef Joseph S. Blatter kündigte an, die Hintergründe für den Platzverweis im Finale gegen Italien am vergangenen Sonntag in Berlin von der Fifa-Disziplinarkommission untersuchen lassen zu wollen.
Danach soll entschieden werden, ob der 34-Jährige den Goldenen Ball behalten darf.